Mag. Sonja Brandtmayer, Generaldirektor-Stellvertreterin der Wiener Städtischen, erklärt im ABW-Interview, warum #frausorgtvor zum gesellschaftlichen Signal wurde und weshalb der „Kunde von morgen“ aufgeklärt und selbstbestimmt agiert.
Welche Projekte oder Maßnahmen der Wiener Städtischen Versicherung zählten für Sie im Vorjahr zu den „Highlights“?
2025 stand ganz im Zeichen der privaten Altersvorsorge, dabei ist es uns sehr gut gelungen, das Bewusstsein in breiten Bevölkerungsgruppen dafür zu schärfen. Insbesondere unsere Kampagne #frausorgtvor war ein voller Erfolg. Und: Umfragen bestätigen den Trend zu mehr privater Vorsorge: Für mehr als zwei Drittel der Österreicher ist sie heute ein zentraler Baustein ihrer finanziellen Absicherung im Alter. Ein weiteres Highlight war die Einführung von KI-Tools auf verschiedenen Ebenen im Unternehmen, die uns dabei helfen, die Effizienz zu steigern. Davon profitieren Kundinnen und Kunden, indem sie im Schadens- oder Leistungsfall rascher ihr Geld bekommen.
„Digitale Innovation bleibt entscheidend – doch bei komplexen Fragen zählt persönliche Beratung weiterhin.“
Mentale und physische Gesundheit sowie private Vorsorge gewinnen zunehmend an Bedeutung. Wie definieren Sie den „Versicherungskunden von morgen“?
Laut aktueller Gesundheitsstudie der Wiener Städtischen wächst das Bedürfnis nach privater Vorsorge. Denn fast die Hälfte der Befragten ist der Ansicht, dass sich unser Gesundheitssystem in den vergangenen zwölf Monaten verschlechtert hat, nur acht Prozent nehmen eine Verbesserung wahr. Diese Entwicklung macht die private Krankenversicherung für viele Menschen zu einer sinnvollen und attraktiven Ergänzung. Gerade das steigende Interesse der Jüngeren ist ein klares Signal für ihr wachsendes Gesundheitsbewusstsein.
Zudem wissen wir, dass für 86 Prozent der Österreicher eine private finanzielle Vorsorge sehr wichtig ist. Und: wir sehen eine steigende Skepsis vor allem junger Menschen, was ihre künftige staatliche Pension betrifft. Sie glauben immer weniger daran, später einmal eine ausreichend hohe Pension vom Staat zu erhalten.
Der Versicherungskunde von morgen ist aus unserer Sicht gut informiert, aufgeklärt und vorausschauend. Er nutzt digitale Kanäle, erwartet Transparenz und individuelle Lösungen, die sich flexibel an sein Leben anpassen. Werte wie Vertrauen, Nachhaltigkeit und Verständlichkeit sind ihm ebenso wichtig wie einfache, digitale Services. Kurz: Er ist kritisch, sicherheitsbewusst und will aktiv mitentscheiden, statt nur passiv zu konsumieren.
„Unsere Kampagne #frausorgtvor hat gezeigt, wie stark das Thema Vorsorge heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.“
Wie hat die Wiener Städtische Versicherung konkret im Jahr 2025 digitale Innovationen zur Differenzierung im Versicherungsmarkt eingesetzt und welches digitale Produkt oder Service ist für 2026 geplant, das heute noch wenig im Markt sichtbar ist?
Die Digitalisierung verändert die Erwartungen unserer Kundinnen und Kunden grundlegend – sie wollen einfache, schnelle und transparente Lösungen, die jederzeit und überall verfügbar sind. Deshalb investieren wir in digitale Services, wie unsere Kunden-App „losleben“, mit der Verträge und Polizzen rund um die Uhr verfügbar sind, oder die Möglichkeit besteht, Schäden online einzureichen und den Status in Echtzeit zu verfolgen. Gleichzeitig sind wir aber davon überzeugt, dass persönliche Beratung unverzichtbar bleibt, gerade bei komplexen Themen wie Vorsorge oder die Absicherung von Risiken. Unser Ansatz ist daher ein klares „Sowohl-als-auch“: Wir verbinden digitale Innovation mit der persönlichen Stärke unserer Beraterinnen und Berater.
Welche konkreten Maßnahmen haben Sie im Vorjahr umgesetzt, um Frauen gezielt als Kundinnen und Entscheiderinnen in den Fokus zu rücken und welches Ziel haben Sie sich für diesen Bereich 2026 gesteckt? Wie möchten Sie die Marke Wiener Städtische im Jahr 2026 positionieren?
Als größter Lebensversicherer in Österreich haben wir uns als Wiener Städtische seit Jahren dem Thema Frauenvorsorge verschrieben und haben den heurigen Herbst ganz in den Fokus von #frausorgtvor gestellt. Im Zentrum stand dabei, das Bewusstsein für finanzielle Vorsorge zu schärfen und entsprechende Lösungen anzubieten. Für die Kampagne, die auf digitalen Plattformen sowie im Fernsehen zu sehen war, konnten Star-Schauspielerin Ursula Strauss, Content Creatorin Christl Clear und Nationaltorhüterin und Arsenal-Legionärin Manuela Zinsberger als Gesichter gewonnen werden. Unseren Schwerpunkt Frauenvorsorge – in den Bereichen Alters- und Gesundheitsvorsorge – werden wir auch über das Jahr 2026 weiterführen.
„Der Kunde von morgen ist informiert, sicherheitsbewusst und will aktiv mitgestalten.“
Angesichts zunehmender Risiken (z. B. Marktzinsverschiebungen, Naturkatastrophen, digitale Disruption) – was war für Sie im Jahr 2025 die größte strategische Herausforderung und wie lautet Ihre persönliche Priorität für die Risikopositionierung 2026?
Der Klimawandel stellt eine wachsende Bedrohung für Menschen und Versicherungswirtschaft dar. 2024 musste die Branche in Österreich über eine Milliarde Euro an Schäden abdecken – allein die Wiener Städtische rund 230 Millionen Euro, ein Rekordwert. Auch wenn die Schadenszahlungen heuer geringer ausfallen, bleiben die Auswirkungen des Klimawandels für Kunden und Versicherer eine zentrale Herausforderung. Zusätzliche Unsicherheiten durch Energiepreise, Kriege und Zölle bremsen die wirtschaftliche Erholung.
In der Krankenversicherung hält die hohe Nachfrage an – Gesundheitsvorsorge bleibt ein stabiler Wachstumstreiber. Auch die Lebensversicherung gewinnt deutlich an Dynamik: Das geringe Vertrauen in das staatliche Pensionssystem und fehlende Reformen schaffen Momentum für weiteres Wachstum. Vorsorge – sowohl im Gesundheits- als auch im Altersbereich – bleibt daher im Fokus.
Unser Geschäftsmodell hat sich in der Vergangenheit als krisenfest erwiesen. Besonders die Altersvorsorge profitiert von der wachsenden Sorge um die Finanzierbarkeit der Pensionen. Im Schaden-Unfall-Bereich bleibt der Wettbewerb intensiv und stark von der Konjunktur abhängig. In diesem Umfeld bleibt im kommenden Jahr unser zentraler Schwerpunkt die Kundenzentrierung. Wir analysieren Bedürfnisse genau und bieten danach maßgeschneiderte Lösungen.
Foto: Marlene Fröhlich/luxundlumen