In ihrem Büro im Wiener Rathaus sprach die Wiener Finanzstadträtin und baldige Vizebürgermeisterin mit ABW-Herausgeberin Barbara Mucha über ihre Pläne für Wien in den kommenden Jahren und warum sie auch in herausfordernden Zeiten stets zuversichtlich bleibt.
Auf dem Schreibtisch der Stadträtin steht eine Giraffe. Nicht irgendeine, sondern eine mit Geschichte: Sie symbolisiert politischen Humor und den Umgang mit Anfeindungen. Als die SPÖ Wien vor zwei Jahren ihre Mitglieder aufforderte, Kandidaten für den Parteivorsitz zu nennen, meldete ein Journalist eine Giraffe unter ihrem leicht geänderten lateinischen Namen (Anm.: Camelo Pardalis) an. Der Scherz fiel erst spät auf und wurde medial ausgeschlachtet.
Novak hätte verärgert reagieren können, entschied sich aber anders: Am nächsten Tag übernahm sie die Patenschaft für eine Giraffe im Schönbrunner Zoo und konterte via Facebook:. „Bei uns sind auch Giraffen herzlich willkommen." Seitdem begleitet die Giraffe sie von Büro zu Büro – als Symbol für eine Lektion, die sie früh gelernt hat: Widerstand aushalten, mit Humor reagieren und weitermachen. Hinter ihrem Schreibtisch hängt das ausdrucksstarke Gemälde einer Kärntner Künstlerin, ein Geschenk ihrer Großmutter. Neben dem Konferenztisch steht die Skulptur einer Suffragette – ein kraftvolles Statement.
„Politik bedeutet, Rahmenbedingungen zu verändern für all jene Menschen, die nicht für sich selbst eintreten können.“
Bewegende Zeiten und prägende Kindheit
Barbara Novak wuchs in keiner Politikerfamilie auf. Ihre Kindheit prägten eine alleinerziehende Mutter und ständige Übersiedlungen. „Bis zu meinem sechsten Lebensjahr bin ich 18-mal umgezogen. Meine Mama war allein mit mir und zog von einer billigeren Wohnung zur nächsten.“ Erst im Karl-Marx-Hof fanden sie Stabilität, als die Mutter dort eine Hausbesorgerstelle bekam. „Ein wunderschöner Gemeindebau mit großen Freiflächen und vielen Kastanienbäumen. Ideal für Kinder“, erinnert sich Novak.
Von Heiligenstadt pendelte sie täglich in die Volksschule im achten Bezirk und später ins Gymnasium Billrothstraße. Und wurde früh unabhängig. Die Unterstufe war eine prägende, aber schwierige Zeit. „Ich war das einzige Arbeiterkind in der Klasse. Teenager können sehr direkt sein.“ Diese Phase formte sie. „Ich habe früh gespürt, dass man sich für andere einsetzen muss. Menschen werden viel zu schnell schlechtgemacht oder ungerecht behandelt – und dagegen kann man etwas tun. Dieses Gefühl, Haltung zu zeigen und Ungerechtigkeit etwas entgegenzusetzen, hat mich nie mehr losgelassen. Genau deshalb bin ich in die Bildungs- und Schulpolitik gegangen."

ABW-Herausgeberin Barbara Mucha im Gespräch mit Wiens Finanzstadträtin und baldiger Vizebürgermeisterin Barbara Novak
Von der Schulsprecherin zur Landesparteisekretärin
Schon während der Schulzeit engagierte sie sich in der Schülervertretung und der Gewerkschaft. Sie war Schulsprecherin und Landesschulsprecherin der Berufsbildenden Schulen in Wien. Von 1996 bis 2000 leitete sie die GPA-Jugend, von 1997 bis 1999 war sie stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Gewerkschaftsjugend. „Politik bedeutet, Rahmenbedingungen zu verändern für all jene Menschen, die nicht für sich selbst eintreten können“, sagt Barbara Novak, deren erste Mentorin die legendäre Wiener Stadtpolitikerin Grete Laska war.
In Döbling baute Novak ihre Basis auf: Seit 1998 war sie stellvertretende Sektionsvorsitzende, 2010 übernahm sie die SPÖ-Frauen Döbling. 2015 wurde sie als erste Frau Vorsitzende der SPÖ-Bezirksorganisation Döbling.
Vor fast 25 Jahren zog sie in den Wiener Landtag und Gemeinderat ein. Von 2003 bis 2021 war sie Sprecherin für Digitalisierungspolitik – lange bevor das Thema populär wurde. Sie trieb den Breitbandausbau in Wien voran und entwickelte das eGovernment-Angebot der Stadt weiter.
2016 schlug Michael Ludwig sie als Wiener Landesparteisekretärin vor. Novak wurde eine enge Vertraute des Bürgermeisters. Bei den Regierungsverhandlungen zur Nationalratswahl 2024 war sie SPÖ-Verhandlerin in mehreren Untergruppen. Im Juni 2025 übernahm sie als Stadträtin die Ressorts Finanzen, Wirtschaft, Arbeit, Internationales und Digitales. Am 16. Februar 2026 stand fest, dass sie auch das Amt der Vizebürgermeisterin von Kathrin Gaál übernehmen wird. Diese wechselt Ende März von der Politik in die Privatwirtschaft. Bis 2030 ist Novak zudem stellvertretendes Mitglied des Europäischen Ausschusses der Regionen.
„Wir setzen den Wiener Weg fort. Dabei halten wir die Balance zwischen Defizitabbau und Sicherung der Daseinsvorsorge.“
Große Herausforderungen
„Wir kamen in ein fast leeres Büro“, erinnert sich Novak an ihren Amtsantritt als Finanzstadträtin. Sie baute rasch ein starkes Team auf, etablierte Prozesse, präsentierte einen Rechnungsabschluss und erarbeitete ein Budget. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser, aber auch eine Chance, Dinge neu zu gestalten."
Größte Herausforderung: die Balance zwischen Konsolidierung und Investition. „Wir werden die Vorgaben des Bürgermeisters einhalten“, sagt Novak. „Wien bleibt auch weiterhin lebenswert.“ Konkret heißt das: „Wir setzen den Wiener Weg fort. Dabei halten wir die Balance zwischen Defizitabbau und der Sicherung der Daseinsvorsorge, wie etwa des geförderten Wohnbaus, sozialer Infrastruktur, Bildung und Gesundheit.“
Was Wien ausmacht
„Wien ist die lebenswerteste Stadt der Welt“, sagt Barbara Novak stolz. „Unsere Daseinsvorsorge funktioniert einwandfrei. In den 1990er-Jahren verkauften viele europäische Städte ihre Versorgungseinrichtungen, um Haushaltslöcher zu stopfen. Das würde ich nie tun. In Wien gehören die Versorgung und die Entsorgung den Bürgerinnen und Bürgern und es ist wichtig, dass diese lebenswichtige Infrastruktur erhalten bleibt. Alles, was erwirtschaftet wird, fließt zurück. Das ist auch ein Standortvorteil. Wir bieten Industrieunternehmen eine funktionierende Stromversorgung und Fernwärme.“ Dazu kommen Demokratie, Sicherheit, ein funktionierendes Bildungs- und Gesundheitssystem, Kultur und leistbares Wohnen. „In anderen Städten pendeln Menschen täglich eineinhalb Stunden zur Arbeit. Das bleibt ihnen bei uns zum Glück erspart.“
Die Stärken des Standortes
Novaks Strategie: „Wien stärken. Auch dort, wo es bereits stark ist – etwa in den Bereichen Biotech und Pharma. Viele internationale Unternehmen haben sich hier angesiedelt und es sollen noch mehr werden.“ In zwei bis drei Jahren erwartet sie einen weiteren großen Entwicklungssprung, dann sieht sie die Zeit der Quantencomputer gekommen.
„Mit Anton Zeilinger haben wir einen der weltweit führenden Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Nächstes Jahr starten wir ein Quantenforschungszentrum und bauen einen großen Hub auf.“ Weitere Schwerpunkte sind Rechenzentren, Nachhaltigkeit, Green Economy und Tourismus. „Wien ist ein großartiger Tourismusstandort, besonders im Kongress- und Messetourismus.“
Hinzu kommen das Budget 2027, die Neuorganisation der Wirtschaftsförderung, der Fernbus-Terminal und der Eurovision Song Contest. „Wir wollen eine gute Gastgeberin sein und die Stadt ins beste Licht rücken.“ Zur Kostenkritik am ESC sagt sie: „Eine Studie zeigt, dass die Wertschöpfung die Ausgaben deutlich übersteigt. “
Frauen als Vorbilder
Neben Grete Laska war auch Käthe Leichter eine prägende Frau für Barbara Novak. „Eine großartige Soziologin, die die Frauenabteilung in der Arbeiterkammer aaufgebaut hat. Sie schrieb über die Arbeitswelt von Frauen, deren Doppelbelastung." Leichter wurde im KZ Ravensbrück ermordet. Und dann ist da noch die 88-jährige Großmutter, die „Omi". „Selten zu Hause, immer dabei – mit ihren Nordic-Walking-Stöcken oder an der Hand eines jungen Mannes. Wenn ich nur ein bisschen von ihrer Power habe, dann ist alles gut", sagt Barbara Novak lächelnd und verrät dabei auch ihr Lebensmotto: „Mein Glas ist immer halb voll. Ich freue mich auf alles, was kommt."
Fotos: Franz Pflügl