Mag. Mariana Kühnel, M.A. Die Vorständin der Finanzmarktaufsicht bringt Geldwäscheprävention, Sanktionsaufsicht und Kryptowerte unter ein Dach – und macht die FMA zum internationalen Vorreiter.
Im Juli 2025 wurden Sie Vorständin der FMA. Welche Prioritäten setzen Sie, um die Aufsicht zukunftsfähig und vertrauenswürdig zu gestalten?
Mein Motto lautet: „Aufsicht am Puls der Zeit”. Damit meine ich dreierlei. Erstens möchte ich, dass wir in der Finanzmarktaufsicht die Risiken von heute und von morgen im Blick haben und unsere Ressourcen auf diese fokussieren. Zweitens müssen wir auch loslassen können, wenn Risiken, die einmal wichtig waren, in den Hintergrund treten. Manche nennen das auch adaptive Aufsicht.
Zweitens bedeutet „Aufsicht am Puls der Zeit”, dass wir Innovationen – nicht nur technologische, sondern auch organisatorische sowie neue Geschäftsmodelle – grundsätzlich offen gegenübertreten und Chancen und Risiken unvoreingenommen betrachten. Und drittens bedeutet es auch, dass wir uns als Aufsicht immer fragen, was solche Innovationen für uns selbst als Organisation bedeuten.
Wie können wir neue Technologien, Arbeitstechniken und Organisationsformen intern anwenden, um effizienter und effektiver für die Stabilität des österreichischen Finanzmarkts zu arbeiten? Das soll mein Impuls für die Finanzmarktaufsicht sein, die ich in meinen ersten Monaten als Behörde mit beeindruckender Kompetenz und Expertise kennengelernt habe – mit hochmotivierten und verantwortungsbewussten Mitarbeitern.
„Finanzinnovationen werden nur dann nachhaltig erfolgreich sein, wenn Regeln und Compliance als Must-have betrachtet werden.“
Sie kennen die Finanzwelt aus mehreren Perspektiven: von der Wirtschaftskammer über die Erste Group bis hin zur europäischen Ebene. Was bedeutet diese Erfahrung für Ihre Rolle in der FMA?
Für mich schließt sich mit dieser Aufgabe ein Kreis. Am Beginn meiner Laufbahn stand die Gesetzgebung im Europäischen Parlament. Ich war in der ersten Reihe dabei, als Othmar Karas nach der Finanzkrise jene Gesetze schrieb, die noch heute unsere Arbeit in der FMA bestimmen. Danach kam für mich die Umsetzungs- und Anwendungsperspektive bei der Erste Group, wo ich zuletzt als Mitglied des Aufsichtsrats den ersten Schritt in Richtung Aufsicht gemacht habe.
Schließlich war ich bei der Wirtschaftskammer als Vertreterin der Kundenperspektive tätig, also von jenen Unternehmen, die die Banken für Finanzierungen, Zahlungsdienste und andere Produkte benötigen. Und jetzt bin ich bei der Aufsichtsbehörde für die gesamte Finanzwirtschaft. Dieser Rundum-Blick gibt mir ein gutes Gespür dafür, wo bei der jeweils anderen Seite der Schuh drückt.
Diese Erfahrung kommt jetzt der FMA zugute. Allerdings bin ich bei weitem nicht die Einzige in der FMA, die auch im beaufsichtigten Bereich gearbeitet hat. Ich profitiere auch von dem riesigen Erfahrungsschatz meines Vorstandskollegen Helmut Ettl. Er hat in mehr als zwei Jahrzehnten Bankenaufsicht so viel gesehen, dass er einen unglaublichen Riecher dafür hat, wo sich Risiken herausbilden.
Wie hilft Ihnen diese Erfahrung dabei, die Balance zwischen Regulierung, Marktinnovation und Konsumentenschutz zu wahren?
Was die von Ihnen angesprochene Balance angeht, bin ich der festen Überzeugung, dass diese Dinge nicht im Widerspruch zueinanderstehen. Finanzinnovationen werden nur dann nachhaltig erfolgreich sein, wenn Regeln und Compliance als Must-have und nicht als Nice-to-have betrachtet werden. Ohne Verbraucherschutz werden sie auf Dauer das Vertrauen der Kunden verlieren.
Umgekehrt dient man den Interessen der Verbraucher nicht, wenn man sie von neuen Entwicklungen fernhält oder ihr Interesse daran nicht ernst nimmt. Ganz wichtig in dem Zusammenhang ist: In dem Maße, in dem Verbraucher ohne Beratung am Smartphone direkt finanziell aktiv werden – ob mit Buy-now-pay-later-Sofortkrediten oder mit ETF- oder Krypto-Sparplänen –, steigt auch ihre Eigenverantwortung, sich der Chancen und Risiken bewusst zu sein. Wir als Finanzmarktaufsicht sehen es auch als unsere Aufgabe, diese Eigenverantwortung zu unterstützen. Deshalb erweitern wir unser Angebot für Verbraucher „Reden wir über Geld“, gehen damit – gemeinsam mit der WU Wien – in die Schulen und sind nun auch auf Instagram mit Erklärvideos und einem Podcast präsent, um junge Menschen dort zu erreichen, wo sie sich informieren.
„Mit dem Projekt „360 Grad“ konsolidieren wir unsere interne Sicht auf die beaufsichtigten Unternehmen.“
Ab 2026 wird das Aufgabenfeld der FMA deutlich erweitert, beispielsweise im Bereich der Sanktionen und der Geldwäscheprävention. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Ja, mit 1. Jänner 2026 übernimmt die FMA die Sanktionsaufsicht von der Oesterreichischen Nationalbank – die tiefgreifendste organisatorische Neuerung seit Einführung der Abteilung „Bankenabwicklung“ vor zehn Jahren. Grundlage war eine Empfehlung der Financial Action Task Force aus der Zeit, als Österreich knapp vor der grauen Liste stand.
Die FMA hat diese Empfehlungen in den vergangenen Jahren konsequent und risikoorientiert umgesetzt. Das wird international sehr positiv bewertet, wie zuletzt bei der IWF-Tagung in Washington sichtbar wurde. Mit der Sanktionsaufsicht wird die FMA zum One-Stop-Shop für einen sauberen Finanzplatz. Für den Übergang haben wir an OeNB-Prüfungen teilgenommen und eigene Prüfungen gestartet – mit geschulten Ressourcen, zusätzlichem Fachpersonal und digitalen Tools. Die Zusammenführung von Geldwäsche- und Sanktionsaufsicht schafft Synergien: Kombiprüfungen ermöglichen eine Gesamtsicht und ein erwartetes Synergiepotenzial von 25 Prozent bei den Verpflichteten.
Das Modell ist international einzigartig und wird aufmerksam beobachtet. Große Anforderungen entstehen auch in der Aufsicht über Kryptowerte-Dienstleister. Die Abteilung hat heuer enorme Überstunden für die Vielzahl an Zulassungsanträgen geleistet. Wir haben hier einen europaweit anerkannten Standard etabliert und adressieren Anbieter, die Compliance, Kundenschutz und finanzielle Integrität als Teil ihres Geschäftsmodells begreifen. Die Zulassungsprozesse werden noch länger intensiv bleiben, parallel dazu wird die laufende Aufsicht ausgebaut – ein zentrales Thema des kommenden Jahres.
Sie sprechen von einer modernen, datengetriebenen Aufsicht. Welche konkreten Projekte wollen Sie vorantreiben?
Wir haben zahlreiche interne Projekte, in denen wir beispielsweise bereits seit einiger Zeit Künstliche Intelligenz zur Analyse großer Datenmengen oder für Netzwerkanalysen einsetzen. Ein Projekt möchte ich jedoch besonders hervorheben: das Projekt „360 Grad“. Mit diesem Projekt konsolidieren wir unsere interne Sicht auf die beaufsichtigten Unternehmen.
Es ist derzeit unser wichtigstes internes Projekt, mit dem wir gezielt Prozesse harmonisieren, digitalisieren und bereichsübergreifend zusammenführen. Wir sehen hier das Potenzial für erhebliche interne Synergien, durch die wir Kosten reduzieren und Ressourcen freischaufeln können – vor allem, weil der Prüfprozess so wesentlich effizienter wird. Auch das bedeutet für mich Aufsicht am Puls der Zeit.
„Generell bin ich der Überzeugung, dass wir weder als Gesellschaft noch als Finanzwirtschaft auf 50 Prozent der Talente verzichten können.“
Als eine der wenigen Frauen an der Spitze einer europäischen Finanzaufsicht stehen Sie auch für kulturellen Wandel. Wie möchten Sie die Führungskultur innerhalb der FMA weiterentwickeln und woran messen Sie persönlichen Erfolg in dieser Rolle?
Es freut mich, dass auf europäischer Ebene bereits viele Frauen Spitzenpositionen innehaben. Ich habe Ende November bei ihrem Besuch in Wien Christine Lagarde getroffen, die als Präsidentin der Europäischen Zentralbank wohl die bekannteste ist. Aber auch die EZB-Bankenaufsicht wird von der Vorsitzenden Claudia Buch geleitet.
An der Spitze der europäischen Markt- und Wertpapieraufsicht ESMA steht Verena Ross und die Versicherungsaufsicht EIOPA wird von Petra Hielkema geleitet. Abzuwarten bleibt, wer José Manuel Campa als Chef oder Chefin der europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA nachfolgt. Generell bin ich der Überzeugung, dass wir weder als Gesellschaft noch als Finanzwirtschaft auf 50 Prozent der Talente verzichten können. Das tun wir aber, wenn wir keine gezielte Förderung von Frauen als Führungskräfte betreiben. Bei der FMA sind 52 Prozent der Mitarbeitenden Frauen, aber nur rund 37 Prozent der Führungskräfte.
Damit liegen wir in etwa im österreichweiten Durchschnitt. Somit werde ich auch weiterhin ein Vorbild sein, Frauen ermutigen und befähigen, sich mehr zuzutrauen, mutig Chancen zu ergreifen und Ideen und Überzeugungen zu vertreten. Und im entscheidenden Moment Ja zu sagen, so wie ich es auch getan habe.
Foto: Cati Donner