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Kategorie: Karriereportraits Industrie
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Dr. Therese Niss Bundesvorsitzende Junge Industrie: "Wo bleibt die gestaltende, zukunftsorientierte Politik?"

Zufrieden hört sich anders an: Therese Niss spricht im Austrian Business Woman-Interview über die fehlende Standortpolitik in Österreich, ihre Erwartungen an die Regierung, Herausforderungen und Versäumnisse und warum ihr die Themen Pensionen und EU so wichtig sind.

Wie würden sie aus ihrer Sicht das vergangene Jahr bewerten, was erhoffen sie sich von 2017?

2016 war aus meiner Sicht eigentlich vor allem enttäuschend. Vom „Neustart“ der Bundesregierung haben wir uns zumindest ein bisschen etwas erwartet. Aber außer ein paar Signalen und Einzelmaßnahmen scheint es im alten Trott weiterzugehen. Hier bin ich mittlerweile auch für 2017 pessimistisch. Es wird von beiden Regierungsparteien immer wieder beschworen, dass es Zeit sei, endlich gemeinsam zu arbeiten, aber schöne Worte haben wir in den vergangenen Jahren oft gehört. Ich hoffe allerdings 2017 zumindest auf Europa. Ich denke, von EU-Ebene her könnten neue Impulse kommen in Richtung Zukunftsgestaltung. In Österreich hoffe ich einfach einmal nur, dass es nicht noch schlimmer wird.

Was kann die Plattform Junge Industrie erreichen, fühlen sie sich gehört?

Ich denke schon, dass wir als JI trotz unserer geringen Größe – wir haben Österreichweit rund 1.000 Mitglieder – immer wieder Gehör finden. Am meisten erreichen können wir aber sicherlich innerhalb der IV. Hier können wir als Junge schon immer wieder wichtige Impulse geben. Und wie wichtig die IV für Österreich ist, haben wir gerade zuletzt bei der Diskussion um das Handelsabkommen mit Kanada gesehen. Hier war die IV lange Zeit die einzige Organisation, die versucht hat, die Fakten zu kommunizieren und keine Ängste zu schüren. Und mehr Faktenorientierung in der politischen Debatte wäre ja in ganz Europa dringend notwendig.

Wie bewerten sie die derzeitige Industriepolitik?

Bedauerlicherweise kann man in Österreich mit der Industriepolitik nicht zufrieden sein. Aber vielleicht sprechen wir richtigerweise eher von der fehlenden Standortpolitik – denn dieses Problem betrifft ja keineswegs nur die Industrie. Die Fakten sind leider seit Jahren immer dieselben: Wir haben eine der höchsten Steuer- und Abgabenbelastungen weltweit, überdurchschnittliche Lohnzusatzkosten, viel zu viel Bürokratie, ineffiziente Strukturen in der Verwaltung – Stichwort Föderalismus – sowie in Teilen des Sozialsystems, Stichwort Pensionen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes Österreich hat dadurch in den vergangenen 10 Jahren stetig abgenommen. Zu diesem Zeitpunkt bräuchten wir daher dringend eine gestaltende, zukunftsorientierte Politik, die neue Akzente setzt. Die Bundesregierung reagiert aber maximal, Gestaltung scheint nicht mehr möglich.

Wie ist der Standort aufgestellt?

Noch sind unsere Unternehmen gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Weltmarkt erfolgreich. Punkten können wir als Industrie nur über Innovation. Und genau da wird es aber zunehmend gefährlich. Wir geben massiv Geld aus, um unsere ineffizienten Strukturen zu bewahren. Gleichzeitig fehlen Mittel für die nötigen Investitionen in Bildung (vom Kindergarten bis zur Hochschule), Forschung und Entwicklung sowie intelligente Infrastruktur. Dadurch kommen wir immer mehr und mehr unter Druck. Zudem müssten wir eigentlich jetzt bereits aktiv die zunehmende Digitalisierung gestalten. Industrie 4.0 passiert, ob mit oder ohne uns. Wenn wir diesen Zug aber verpassen, dann droht uns wirklich endgültig der Abstieg. Daher sollten wir uns auch ein klares und vor allem ambitioniertes Ziel setzen: Bis 2020 muss Österreich der Innovation-Leader in Europa sein.

Wo sehen sie die großen Herausforderungen?

Die wirklich größte Herausforderung ist durch Jahre des Nichtstuns selbstgemacht: Die zunehmende Digitalisierung kann, richtiggemacht, sogar mehr und vor allem höher qualifizierte Jobs bedeuten. So gesehen wäre Industrie 4.0 gerade für uns in Europa eine riesen Chance. Selbst der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes hat daher ja gefordert, dass wir die Digitalisierung aktiv gestalten müssen. Bei uns in Österreich denken manche hingegen über Maschinensteuern nach. Das ist Wahnsinn. Statt noch mehr Steuerbelastung zu schaffen, müssen wir alle entlasten, unsere Strukturen endlich effizient gestalten und dringend jeden Cent in Bildung sowie Forschung und Entwicklung stecken. Hinzu kommt: Jede Reform, gerade im Bildungswesen, braucht Zeit um zu wirken. Jedes Jahr, das wir hier verlieren, wirkt sich also mehrfach aus. Und aktuell ist eine wirkliche Bildungsreform ja noch immer nicht in Sicht, auch wenn erste Schritte, Stichwort mehr Autonomie für Schulen, nun gesetzt werden sollen.

Was erwarten sie sich von der Regierung?

Reformen, Reformen und noch einmal Reformen. Einerseits müssen wir unsere Ausgabenseite in den Griff bekommen. Das bedeutet eine ordentliche Pensionsreform, Änderungen in der Verwaltung bei Bildung und Gesundheit sowie ganz allgemein eine ordentliche Staats- und Verwaltungsreform. Unsere Ausformung des Föderalismus, wo die Einnahmen und Ausgabenverantwortung nicht in einer Hand liegt, verbrennt massiv Geld in ineffizienten Strukturen und Doppelgleisigkeiten. Das können wir uns nicht mehr leisten. Wir müssen defacto unser gesamtes Staatswesen modernisieren. Hier müssen wir die offenbar typisch österreichische Angst vor allem Neuen überwinden. Nehmen wir ein anderes Beispiel her: Bei der Arbeitszeitgesetzgebung wünschen wir uns auch zeitgemäßere Regelungen: Arbeiten, wann Arbeit anfällt. Dabei sollen Vereinbarungen auf Betriebsebene getroffen werden können. Und es soll auch kein Problem sein, wenn einmal an einem Tag länger gearbeitet wird. Dafür gibt es dann eben an einem anderen Tag mehr Freizeit. Solche Systeme gibt es international bereits, sie funktionieren und nutzen am Ende beiden, dem Arbeitgeber wie auch dem Arbeitnehmer. Niemand will die Wochenhöchstarbeitszeit aufweichen – aber innerhalb dieses Rahmens müssen wir flexibler werden. Unsere starren Regelungen, bei denen auch gleich immer noch die Gewerkschaftszentrale in Wien mitbestimmen darf bzw. muss, sind einfach nicht mehr zeitgemäß.

Sie melden sich auch immer wieder zu den Themen Pensionen und EU zu Wort: Warum sind ihnen diese Themen wichtig?

Bei beiden Themen geht es mir einfach um unsere Zukunft. Bei der EU ist dies vielleicht klarer ersichtlich: Hier geht es darum, wie wir als jüngere Generation Europa gestalten wollen. Europa hat als Friedensprojekt begonnen – für die Jüngeren ist dies aber selbstverständlich. Die Parolen keine Grenzen und kein Krieg reichen nicht mehr, um den Menschen die Sinnhaftigkeit der EU zu vermitteln. Die EU wird von vielen nicht mehr verstanden, als weltfremd empfunden. In Folge des Brexit müssen wir nun die EU so oder so reformieren. Wir wollen, dass dabei jene Kräfte die Oberhand behalten, die für mehr Europa sind und nicht für weniger. Aber Europa muss sich sicher auf seine Kernaufgaben konzentrieren, also etwa die Sicherung der Außengrenzen und nicht die Regulierung der Krümmung diverser Gemüsesorten. In Österreich wiederrum ist das Pensionssystem einfach das beste Symbol für die mangelnde Nachhaltigkeit und damit Generationengerechtigkeit der Politik. Hier wird seit Jahren Geld verbrannt, weil sich keiner über beherzte Reformen drüber traut. Die Lösung der Probleme wird über Schulden in die Zukunft verlagert. Die Jüngeren werden dies eines Tages zahlen müssen, werden vergleichsweise weniger aus dem System herausbekommen und werden zusätzlich auch darunter leiden, dass wir bereits seit Jahren zu wenig Geld in die Zukunft investieren können. Unter anderem eben, weil wir viel zu lange ein Frühpensionsparadies querfinanziert haben aus dem allgemeinen Steuertopf. Wir arbeiten noch immer weniger lang als in den 70er Jahren – verbleiben aber, längere Lebenserwartung sei Dank, viel länger in Pension. Das kann nicht gut gehen auf Dauer. 

Zur Person

Dr. Therese Niss ist seit etwas mehr als sieben Jahren Bundesvorsitzende der Jungen Industrie. Die studierte Juristin startete ihre Karriere während ihres Studiums als Forschungsassistentin im Europäischen Parlament in Brüssel. Nach einem Studienaufenthalt in Bologna entschied sich Niss mit dem Einstieg bei Mondi Packaging für eine Industriekarriere. 2008 stieg sie in das Unternehmen ihrer Familien ein, Therese Niss wurde geschäftsführende Gesellschafterin der Miba-Tochter High Tech Coatings. Seit der Gründung der Miba 1927 hat sich das Unternehmen von einer Reparatur- und Produktionswerkstätte für Motorenteile zu einem international führenden Konzern entwickelt. Heute beschäftigt die Miba mehr als 5.000 Mitarbeiter. An mehr als 22 Standorten weltweit werden Sinterformteile, Gleitlager, Reibbeläge, Leistungselektronikkomponenten und Beschichtungen hergestellt und verkauft. Therese Niss‘ Bruder Dipl. Ing. F. Peter Mitterbauer MBA, ist Vorstandsvorsitzender der Miba. Therese Niss ist Vorstandsmitglied der Mitterbauer Beteiligungs-Aktiengesellschaft (MBAG). 2015 zog sich das Unternehmen von der Börse zurück.