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Kategorie: Aktuell
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So finden Gründer den wahren Wert ihres Unternehmens heraus

Fernseh-Shows wie „2 Minuten 2 Millionen“ oder „Die Höhle der Löwen“ haben dazu beigetragen, dass unter jungen Menschen vermehrt Interesse an der Gründung eines Unternehmens geweckt wurde. Eine Begleiterscheinung, die UBIT Wien Obmann Mag. Martin Puaschitz zwar freut, in der Realität würden sich Investoren aber nicht von einem zweiminütigen Vortrag zum Einstieg bewegen lassen. Mag. Claudia M Strohmaier, Berufsgruppensprecherin Unternehmensberatung, erklärt wie eine Unternehmensbewertung in der Praxis abläuft und an welchen Stellschrauben KMU drehen können, damit sie im Gespräch mit potenziellen Investoren den maximalen Erfolg erzielen. 

„Ob der Scheitel bei der Präsentation vor Investoren links oder rechts sitzt, ist in der Praxis ziemlich egal, denn das ist reine Optik. Wichtig ist, dass die Idee der JungunternehmerInnen gut ist, die Motivation passt, die Zahlen stimmen und die Annahmen schriftlich belegt werden“, erklärt Mag. Claudia Strohmaier, Berufsgruppensprecherin Unternehmensberatung in der Wiener Fachgruppe Unternehmensberatung, Buchhaltung und Informationstechnologie (UBIT). Einen schriftlichen Plan für die nächsten drei Jahre, der eine wichtige Basis für die Evaluierung darstellt, bekommt das Publikum im Fernsehen nie zu Gesicht. Stattdessen müssen die potenziellen Investoren von den Gründern in einem mündlichen Vortrag von einer Geschäftsidee überzeugt werden, damit sich die Geldgeber mit einem bestimmten Betrag beteiligen, um im Gegenzug Gesellschaftsanteile zu erhalten. „Vieles muss im Fernsehen verkürzt dargestellt werden. Die Wiener UnternehmensberaterInnen gehen in der Praxis deutlich akribischer an die Sache heran“, betont Strohmaier.

Auf die richtige Bewertungsmethode achten

„Im Arbeitsalltag der Wiener UnternehmensberaterInnen geht es meist um die Unternehmensbewertung von KMU mit einer längeren Historie“, wie Mag. Strohmaier erklärt. Zudem gebe es nicht „den einen Unternehmenswert“. Es komme immer auf den Anlass für die Bewertung an, denn daraus ergebe sich in weiterer Folge die Bewertungsmethode. „Bei der Discounted-Cash-Flow-Methode wird der künftige Ertragswert des Unternehmens auf Basis des Free Cashflow abgeschätzt, zieht man vom Vermögen die Schulden ab, erhält man den Substanzwert, beim Marktwert spielt die aktuelle Marktlage eine wichtige Rolle und der Liquidationswert wird in der Regel dann erhoben, wenn ein Unternehmen aufgelöst werden soll“, fasst Mag. Strohmaier die verschiedenen Möglichkeiten zusammen. 

Der Substanzwert sei in der Praxis allerdings nur dann von Bedeutung, wenn nennenswerte Vermögenswerte da seien. „Bei einem Hotel- oder Industriebetrieb macht die Erhebung einen Sinn, bei einem Dienstleistungsbetrieb eher nicht“, wie die Branchenvertreterin betont. Bei börsennotierten Unternehmen würde der Aktienkurs einen guten Anhaltspunkt für den Marktwert geben, allerdings käme im Falle einer Übernahme meist noch ein deutlicher Preisaufschlag dazu. Bei Start-ups liege die Eruierung des Marktwertes in der Regel stärker im Ermessen des Käufers, weil sie keine nennenswerte Historie hätten. Potenzielle Investoren könnten allerdings bereit sein tiefer in die Tasche zu greifen, wenn sich zum Beispiel durch eine Übernahme Synergien ergeben, wenn sie dadurch ihre Marktmacht vergrößern können oder die Produkte des Unternehmens als genial wahrgenommen werden.  

An den Stellschrauben drehen

„Am Anfang müssen Start-ups nicht zwangsläufig Gewinne schreiben, denn es gibt Anlaufkosten und dergleichen. Wenn es einen schriftlichen Plan für die nächsten Jahre gibt und man glaubhaft machen kann, dass das Unternehmen nach einer gewissen Zeit profitabel sein wird, werden sie das Geld bekommen“, ist UBIT Wien Obmann Mag. Martin Puaschitz überzeugt. Um selbstbewusst vor Investoren treten zu können, sei vorab die Einholung einer externen Expertise wichtig. Nachdem gemeinsam mittels Unternehmensberatung die Hausaufgaben eruiert und erledigt wurden, könne der Marktwert deutlich gesteigert werden. Mag. Strohmaier präzisiert: „Es kann praktisch an jeder Schraube gedreht werden: Sie können beispielsweise das Produktsortiment bereinigen, die Finanzierung optimieren, bestehende Verträge und rechtliche Verpflichtungen prüfen, Personalmaßnahmen ergreifen, die Lagerhaltung verbessern oder gar den Standort wechseln.“ Mit jeder umgesetzten Maßnahme werde nicht nur der Wert des Unternehmens sukzessive steigen, sondern auch das Selbstbewusstsein der Gründer. Im Anschluss fällt es wesentlich leichter mit den Investoren auf Augenhöhe zu verhandeln, weil die Gründer Unternehmensführungskompetenz bewiesen hätten. 

Foto: Anja-Lene Melchert